20 août 2013

Berliner-Kurier – Mega-Kunstwerk am Friedrichsfelder Plattenbau – Di. 20.08.13

Hurra, wir leben in der Paradies-Platte!

Von VERONIQUE RÜSSAU und THOMAS LEBIE (Fotos)
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Friedrichsfelde  –  

Unter dem Kinderzimmerfenster von Familie Kießler fliegt ein Papagei, die Schwingen weit ausgebreitet. Mutter Kerstin muss nur die Hand ausstrecken und schon kann sie ihn berühren. Familie Kießler wohnt nicht im Regenwald, sie wohnt in einem Friedrichsfelder Plattenbau. Doch dieser ist nun das größte bewohnte Wandbild der Welt.

Drei Jahre hat es gedauert. Gerüste, abgeklebte Fenster, Lärm. Doch jetzt sind die französischen Fassadenkünstlern von Cité Création aus Lyon endlich fertig mit ihrem Meisterwerk. „Endlich ist wieder Ruhe“, sagt Kerstin Kießler (42). Sie wohnt im Mega-Kunstwerk in einer 4-Raum-Wohnung und weiß nun, wie laut es sein kann, wenn Beton gesägt wird. „Und Platte ist wirklich hellhörig.“

Kerstin Kießler liebt besonders den Papagei unter ihrem Fenster.

Kerstin Kießler liebt besonders den Papagei unter ihrem Fenster.
Foto: Lebie

Doch das war es der Pflegehelferin wert. „Ich finde das so spannend, was hier passiert“, sagt Kerstin Kießler. „Ich habe immer beobachtet, wie das Bild wächst.“ Immer höher wuchsen die Bäume die elf Stockwerke hinauf, landeten die Störche in ihren Nestern, kletterten Eichhörnchen die Fassade entlang. „Es sieht toll aus.“

Die Häuserblöcke in den Straßen Am Tierpark und Alt-Friedrichsfelde entwickelten sich zu einem riesigen Triptychon, mit 22000 Quadratmetern Fläche das größte bewohnte Wandbild der Welt. Der Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde ist auch schon beantragt.

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„Ich finde es oberaffengeil, dass ich jetzt ein Baumhaus habe“, freut sich Christian Klose (61). Die neu angebauten Balkone bilden die braunen Baumstämme. Die 1-Raumwohnung des 61-Jährigen ist dadurch deutlich größer geworden. „Im Sommer ist es fast wie ein zusätzlicher Raum.“

Die Wohnungsbaugenossenschaft Solidarität eG, zu der die Häuser gehören, möchte durch das Kunstwerk Gesicht zeigen, und setzt „mit sozialverträglichen Mieten in voll vermieteter
und sanierter ,Platte’ ein Zeichen, wie man den Stadtrahmen innovativ und lebenswert beeinflussen kann.“

Am Donnerstag ist die offizielle feierliche Übergabe des von rund 3000 Menschen bewohnten Kunstwerkes. Dabeisein wird auch Lichtenbergs Bürgermeister Andreas Geisel.

Vielleicht trifft er dann auch Dagmar Keiderling (61), die den französischen Malern auch mal „einen Kaffee auf’s Gerüst“ stellte. Und trotzdem kein so sehr gewünschtes Eichhörnchen bekam. Oder aber auf Kay Hoffmann (26), der mit seinem Koalabärchen am Balkon reichlich wenig anfangen kann. Er meint: „Ich finde, das Geld, das man dafür ausgegeben hat, hätte man sinnvoller nutzen können.“