22 août 2013

Die Welt – Architektur – die Platte wird zu Baumhaus – Do. 22.08.13

 sol

Wohnungsbaugenossenschaft hat in Friedrichsfelde das größte bewohnte Wandbild weltweit schaffen lassen

Von Brigitte Schmiemann

Angela Spirk und ihre Tochter Birgit wohnen neuerdings in einem Baumhaus. Es fliegen Schwäne, Kraniche und Gänse vor ihren Fenstern vorbei. Nicht nur die frisch aufgemalten auf der Fassade, sondern auch echte. Im nahen Tierpark finden sie Futter. Seit 15 Jahren leben die Spirks in ihrer Wohnung an der Straße Am Tierpark. Eine Plattenbausiedlung mit rund 1400 Wohnungen für 3000 Menschen. Fassadenkünstler haben jetzt im Auftrag der Wohnungsbaugenossenschaft Solidarität dafür gesorgt, dass aus dem 33 Meter hohen Elfgeschosser etwas Besonderes entstanden ist. « Wir waren vorher eine graue Maus; jetzt haben wir wieder eine Adresse, auf die die Mieter stolz sind », sagt Hannelore Helbig-Zschäpe, kaufmännischer Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft.

Die gerade fertig gewordenen « Friedrichsfelder Baumhäuser » in der Straße Am Tierpark 12–26 sind nur eines von insgesamt drei großen Wandgemälden des « Friedrichsfelder Triptychons », das die französische Künstlergruppe « CitéCréation » aus Lyon und ihr Berliner Tochterunternehmen für die Wohnungsbaugenossenschaft Solidarität in Lichtenberg in drei Jahren geschaffen hat. Das « Friedrichsfelder Tor » (Alt-Friedrichsfelde 37 bis Am Tierpark 8) als Entree nach Berlin und in die Wohnanlage der Genossenschaft sowie eine Ecke weiter die « Friedrichsfelder Bilderstadt » (Alt-Friedrichsfelde 26–36) wurden bereits 2011 und 2012 fertiggestellt. Jetzt ist das Gesamtprojekt abgeschlossen.

Heute soll das Friedrichsfelder Triptychon feierlich übergeben werden. Ab 14 Uhr werden auch der Kulturattaché der französischen Botschaft, der Lichtenberger Bürgermeister, die französischen Künstler und viele weitere Gäste erwartet. Angemeldet fürs Guinness-Buch der Rekorde als weltweit größtes bewohntes Wandbild ist das Werk bereits seit Februar. 22.000 Quadratmeter Fassade wurden künstlerisch gestaltet.

Norbert Martins, der im vergangenen Jahr einen Bildband über fantasievoll bemalte Hauswände veröffentlicht hat (« Hauswände statt Leinwände – Berliner Wandbilder ») und sich wie kaum ein Zweiter damit auskennt, fasziniert die Größe des Projekts in Friedrichsfelde. « Aber auch die Qualität ist hervorragend. Vor allem an der Giebelwand Am Tierpark 12. Dort wurden existierende Menschen porträtähnlich gemalt », sagt er. Wenn Martins seine Bücher verkauft bekommt, noch muss er 1400 Exemplare loswerden, würde er gern auch dieses Projekt in einer aktualisierten Buchfassung dokumentieren.

Für die Wohnungsbaugenossenschaft Solidarität, die das künstlerische Großprojekt in Friedrichsfelde finanzierte, hat sich die Ausgabe schon jetzt gerechnet. « Die Fassaden hätten wir ohnehin sanieren lassen müssen, eine Lichtenberger Malerfirma hat die Grundfarben aufgetragen und so die Leinwand für die Künstler vorbereitet », berichtet Helbig-Zschäpe. Wie viel die Arbeiten gekostet haben, möchte sie nicht sagen. Nur so viel: « Die Bilder haben rund 20 Prozent mehr als die ohnehin fällige Instandsetzung der Fassade gekostet. »

Das Kunstprojekt will mit dem negativen Image des Plattenbaus aufräumen. Schon jetzt haben die Vermieter festgestellt, dass es weniger Umzüge gibt, die Fluktuation ist um rund zwei Prozent zurückgegangen. Die ohnehin sehr hohe durchschnittliche Wohndauer von 21 Jahren hat sich nach Auskunft von Norbert Berg, dem Assistenten des Vorstands, weiter erhöht. Und seit es die bunten Bilder an der Fassade gibt, müssen auch kaum noch Graffitis entfernt werden. Vorher lagen die Entfernungskosten bei rund 50.000 Euro bei den fast 3200 Wohnungen der Genossenschaft.

Weil eine Genossenschaft neutral sein muss, kamen politische Motive zur Fassadengestaltung nach Auskunft von Helbig-Zschäpe nicht in Frage. Eine Arbeitsgruppe, in der sich viele Mieter engagierten, beriet die Künstler. Die Mieter sind Genossenschaftsmitglieder und dadurch Miteigentümer. So kommen auch die relativ moderaten Mieten von durchschnittlich 4,50 Euro kalt pro Quadratmeter und 2 Euro pro Quadratmeter Betriebskosten zustande.

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